Zurückzug

So sitze ich also in diesem winzigen Zimmer hinter Möbeln und Kisten und esse Buttertoast. Ich esse diesen Buttertoast sehr, sehr leise und mit unbändiger Konzentration – nur ein einziger Krümel oder zu lautes Knuspern („schwarz wie meine Seele, Baby“) könnten mich verraten. Ich esse diesen Buttertoast in dem Bett, in dem ich mir mindestens 1460 Abende lang die Aktivitäten mit meinen Klassenkameraden vorstellte, die in der BRAVO auf den rosa Seiten beschrieben waren. In dem Bett, in dem ich anschließend an mindestens 200 Abenden diese Aktivitäten getestet habe. Meist hatte ich dabei zugegebenermaßen nicht das BRAVO-Gefühl, habe aber wie es sich in dem Alter gehört trotzdem am Ende Beifall gegeben. Man kann sich also vorstellen, wie froh das Bett gewesen sein muss, als es vor vier Jahren endlich in diesem Zimmer in Rente gehen durfte, gemeinsam mit zerlumpten Schuhen und Akten in irgendwelchen Kisten.

Warum also, fragt es sich wohl in diesem Moment, sitze ich nun darauf, heimlich essend, heimlich an nicht-mehr-so-BRAVO-taugliche Aktivitäten denkend, heimlich an meiner Existenz verzweifelnd?

Liebes kleines 80cm-IKEA-Monster: es tut mir leid. Ich hätte das auch nie geglaubt. Und ich würde wirklich gerne, wie die letzten vier Jahre, in meinem doppelt so breiten Bett essen, das Laken achtlos mit Buttertoastfingern beschmieren und so laut rülpsen, dass die Nachbarn davon inspiriert eine feministische Punkrockband eröffnen. Zu deinem Pech lief nicht alles wie es sollte und nun bin ich 23 und habe abends plötzlich wieder Angst, nicht die Spülmaschine ausgeräumt zu haben oder wegen Im-Bett-Essen zu Fleischsalat verarbeitet zu werden. Das Zimmer in dem wir beide uns aufhalten ist nicht mal mein altes Kinderzimmer – in das hätte immerhin dein Artgenosse gepasst. Es ist eher eine Erinnerungsrumpelkammer mit miesem Licht.

Zu Mama zurückziehen, das war in meinem Kopf nie auch nur eine Möglichkeit, der Gipfel der Regression, das, was gescheiterte Existenzen nach sieben abgebrochenen Studiengängen tun. Jetzt sehe ich mein Spiegelbild im alten Hochzeitfoto meiner seit 1994 geschiedenen Eltern und erkenne darin eine Existenz, die nicht mehr weiß, ob sie mit ihrem Studiengang wirklich zu ihren Träumen kommen wird, ob sie jemals eine WG besichtigen wird, die nicht nur so tut, als wäre sie ihr wohlgesonnen und ob sie eigentlich irgendwann mal austherapiert genug für eine ordentliche, unschädliche Beziehung sein wird. Es ist wohl eine Zeit, in der all die ekligen Fragen aufkommen: ist es meine Psyche oder sind es die anderen? Warum reicht die ganze Selbstreflexionsgabe nicht aus, um all die Fallen vorherzusehen? Wie machen diese ganzen anderen, unperfekten, verrückten Leute das? Und wird sich meine Gefühlswelt für immer in „Schuldgefühle“, „Rausch“ und „kurz keine Schuldgefühle“ gliedern?

Sich wie Matsch fühlen, Selbstmitleidshymnen schreiben, unfertige Bilder malen, unzureichend Gitarre lernen, Joggen gehen und wissen, dass man es die nächsten drei Monate wieder bleiben lässt, mit der letzten S-Bahn heimfahren müssen – ich erlebe eine zweite Pubertät. Nur eben heimlich, an den schwangeren, heiratenden Freunden vorbei, mit legal gekauftem Whiskey in der Hand.

Vielleicht ist es gut, denke ich beim Blick auf die wartende Gitarre und die wartende Leinwand und das wartende Buch. Vielleicht sind Rückschritte wirklich sinnvoll und vielleicht habe ich nun mal wirklich absolut keinen Bock auf ein kleines putziges Leben in meinem Bauch, in Stein gemeißelte Planungen oder Arschkriecherei bei allen WGs in akzeptabler Lage um hier rauszukommen. Es jammern doch immer alle von „Noch einmal jung sein“ – hier, bitte, ich mach das jetzt mal, und ich werde jeden Bissen Büffelmozzarella aus Mamas Kühlschrank und jedes Tränchen Teenager-Masochismus genießen, als gäb es kein Morgen mehr. Solange, bis das Leben den Cheat bemerkt und mich in irgendein Junggesellinnennest katapultiert, in dem ich den Kopf über diesen selbstgerechten Blogeintrag schüttle.

Wiederhören.

 

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Weltfrauentag

Blumen.

Sie. schenken. uns. BLUMEN.

Dank dieser mein nihilistisches Herz beschämenden Geste des sanften Zuspruchs wird die Welt nun mit einem Blogeintrag gestraft. Und zwar einem über die Dinge, die an diesem Tag so falsch laufen. Die Dinge, die sich Menschen so ausdenken, um weder den Tag, noch den Feminismus ernst nehmen zu müssen. Blumige Gesten zum Beispiel.

„Alles Gute zum Weltfrauentag!“, er streckt einer Dame eine Rose entgegen, in seinen Augenwinkeln bereits eine funkelnde Träne der Selbstbestätigung. Dann so ein vertrauenerweckendes Zwinkern, das sogar dem Zunge-raus-Zwinkersmilie in der Schmierigkeit Konkurrenz macht. „Ihr habt es euch verdient“ säuselt der von der Sparkasse für diesen undankbaren Job abgestellte (oder hat er sich das etwa ausgesucht? Der kleine Charmeur!) Mittdreißiger und verteilt ein weiteres Blümchen an ein dankbares Weibchen.

Als ich freundlich ablehne (Blumen aller Welt geraten bei Erwähnung meines Namens in panische Todesangst) wirkt unser Alltagsheld verwirrt. „Ach komm, ist doch Frauentag!“ ruft er mir mit beinahe brüchiger Stimme hinterher. Ja, das ist es wohl. Aber für mich bedeutet das nicht, dass ich Blumen annehmen muss, wie sonst Komplimente, gegen die ich nichts tun kann. Was ist das für eine Geste zum Frauentag, frage ich mich.

Der sah ursprünglich mal so aus:

 

frauentag

Nicht so blumig, oder? Es ging um Wahlrecht und Gleichberechtigung und alles was sonst noch so mit Rechten zusammenhängt, die für Frauen immernoch ziemlich neu sind.

Natürlich sind viele der damaligen Forderungen heute Alltag und wir müssen nicht mehr aufpassen, was wir anziehen, wenn wir rausge-

oh, entschuldigung, das war der Text für 2030. Ich meine natürlich, WIR DÜRFEN INZWISCHEN WÄHLEN UND BEIM HEIRATEN UNSEREN NACHNAMEN BEHALTEN, YEEEHAWWW!!

Spaß beiseite, es ist natürlich sehr vieles besser geworden. In Europa. In Deutschland. In großen Städten in denen die Polizei eine Frauenquote von 15% erreicht. Aber bei unserem Rosenbanker fühle ich mich trotz diesen bahnbrechenden Fortschritten seltsam. Sind Blumen alles, was man(n) Frauen noch geben kann? Haben wir sonst alles, was wir brauchen? Haben priviligierte, weiße CSU-Gattinnen in Polit-Talkshows recht, wenn sie sagen, die aktuelle Feminismusdebatte sei veraltet und „ginge zu weit“? Die Antwort ist bitter wie Seehofers Morgenurin.

Es werden Blumen verteilt, als Lob, als Zeichen der Wertschätzung. Aber wofür werden wir wertgeschätzt? Schon mal nicht für dieselbe Arbeit mit demselben Lohn. Auch nicht, wie früher (=2005) für die Kindererziehung und unsere Kochkünste. Beides macht nur noch einen kleinen Farbtupfer aus, im detailreichen Idealbild der erfolgreichen Frau™, die in den Frauen™magazinen Interviews zu Frauen™themen geben darf. Sie sollte einen Beruf ausführen, bei dem sie auch alleine mühelos für sich und die Kinder sorgen könnte, aber gleichzeitig auch für die Kinder sorgen können, als hätte sie gar keinen Beruf. Der im Landhausstil bebärtete Schnührschuhtyp mit dem ironischen Halbgrinsen neben ihr gelt solange sein Haar mit Biopomade und grillt irgendwas aus irgendeiner Grillbibel. Nachher stößt er mit seinen Kumpels an und knutscht im Suff auch mal die Frau, die gerade zum dritten Mal Junior die Windeln wechselt, im Kopf die Zahlen für die morgige Präsentation. Im Interview steht dann jedenfalls „Wir haben es irgendwie geschafft, das alles unter einen Hut zu bringen. Und am Wochenende, wenn Michael mit den Kids angeln ist, gönne ich mir ab und zu eine Auszeit im Spa“

Und dafür bekommt sie jetzt mal was zurück. Nämlich 250.000 Tweets von PR-Beauftragten großer Firmen (ALLES GUTE ZUM FRAUEN TAG LADIES, WIR LIEBEN EUCH) und 20.000 Facebookeinträge rechtskonservativer Klugscheisser (WARUM FEMINISMUS EINE LINKSFASCHISTISCHE MASCHE IST – In 1500 Zeichen). Na wenn das mal nichts ist. Im Gegenzug dann aber bitte Vollgas geben am SchniBlo-Tag, ja?

Ich komme aber vom Thema ab. Warum nervt mich die Blumenausgabe an diesem Tag, mit all den Glückwünschen, Gewinnspielen und Aktionstagen?
Vielleicht weil ich keine Blumen mag. Keinen rosa VW Käfer gewinnen will. Im Baumarkt keine Glitzerbohrmaschine zum halben Preis erstehen werde.
Weil das alles nichts mit mir zu tun hat, nichts mit Frauen oder Mädchen oder erfolgreichem Mutter-Sein.
Sondern mit Menschen (jaha, Geschlecht scheißegal), die gerne pinke Autos fahren und Glitzer mögen und sich an Rosen erfreuen.
Warum also werde ich mit diesen Bildern nicht an einem Glitzerpinkrosentag beworfen, sondern heute, wo es doch eigentlich ums Kämpfen geht? Gegen genau diese Attribute die noch immer nicht nur als schwach und niedlich gelten, sondern – und das ist das Problem – als absolut weiblich.

Dabei ist doch schon lange klar, dass die Welt nicht nur marineblau und pink ist.
Frauen mögen eigenes Geld. Männer mögen Kinderwagenschieben. Nicht-Heteros sind nicht wahlweise nur superwitzig (kichernde Designer) oder brandgefährlich (burschikose Linkspolitikerinnen), nur weil man ihre Attribute nicht mehr in die immer gleiche Schublade packen kann. Frauen mit kurzen Haaren sind nicht immer lesbisch und Lesben sind nicht immer kurzhaarig. All das wissen wir, und gucken gleichzeitig ohne nachzudenken die Filme, in denen [weißer muskulöser Schauspieler] im Finale [weiße niedliche Schauspielerin] rettet. Während die Mehrheit der Menschen auf dem Planeten weder weiß, noch männlich, noch reich, noch körperfettfrei ist.
Ich finde, es wäre ein guter Tag, um sich andere Ziele zu suchen, als diese.
Lasst uns das fördern, was absichtlich übersehen wird und das bereits Gerngesehene so stehen lassen.
Lasst uns zum Weltfrauentag Bohrmaschinen und Blumen in allen Farben verteilen, und zwar an alle Frauen.
Auch und vor allem an diejenigen mit Bart und Schuhgröße 47, die mit Abstand noch am meisten zu kämpfen haben.
Lasst uns Löcher in die Denkmauern der ewig Gestrigen bohren, schmerzhaft und laut.
So und nicht anders zeigen wir denen den Mittelfinger, die uns 24 Stunden lang wie quengelnde Kinder mit Süßigkeiten ruhigstellen wollen.

twenty-something-regression

alive

Kennt ihr das Gefühl, bei dem sich die Knochen wie ausgekaute Kaugummis anfühlen und man sein Gehirn als Flummi benutzen will? Das in der Sekunde auf der Matte steht, wenn du kurz guckst, wieviele Follower dein Lieblingstwitteraccount gerade hat. Wenn dir einfällt, dass du mal wieder Oma besuchen solltest. Und wenn jemand was wirklich total nettes zu dir sagt, das du wirklich total gern annehmen würdest.

Es ist eigentlich mehr ein Gähnfühl, weil es irgendwie dafür sorgt, dass ich an mir runtergucke und davon direkt müde werde. Müde genug, um mich erstmal ein lockeres Stündchen hinlegen zu wollen. Am besten auf Asphalt. In der Mitte einer Autobahn. Und mit einem Hello-Kitty-Schleifchen im Haar.

Ich nenne es „twenty-something-regression“. Erstens, weil es meinen Geisteszustand der letzten 3 Jahre beschreibt und zweitens, weil es jede ehrliche Motivation für irgendwas exekutiert, das ich in den nächsten 3 Jahren vielleicht mal hätte erreichen wollen. Es ist ein Gefühl, das ich als Ausrede benutze. Ich möchte mich nicht über diesen zerbrechlichen Porzellantellerrand namens „Versagensangst“ hinauswagen. Schließlich habe ich die zynischen, selbstgerechten Leckereien darauf gerade mal ein bisschen mit der Gabel angestupst.

Diese Form der Regression beschreibt für mich ein bisschen das Lebensgefühl meiner Generation. „Hätten meine Eltern mich doch nur ins Ballett/ den Geigenunterricht/ den Fußballverein geprügelt“ ist der Refrain dieses Songs. Weil wir nicht selbst dafür verantwortlich sein wollen etwas hinzukriegen. Man könnte ja scheitern und dann landet man nie auf diesem Youtubekanal oder in der Spiegel-Bestsellerliste. Je größer der Traum, desto großartiger die Ausreden. Eigenverantwortlichkeit ist abschreckender als Lungenkrebsbildchen auf Kippenschachteln. Jede Werbung zielt darauf ab, uns zu zeigen dass wir mit dem Produkt auf jeden Fall genug falsch machen werden, um dadurch kurz den Kopf aus- und das Feuerwerk im Stammhirn einschalten zu können.

Diese blinde Angst davor, so richtig erwachsen zu sein und für all sein Versagen einstehen zu müssen ist nicht nur meine. Das ist mir irgendwie klar geworden, seit immer die Songs und Filme, die das Thema aufgreifen auch die absoluten Hits werden. Während wir auf Ereignisse in unseren Leben zu rennen, nach denen wir nie mehr dieselben sein werden, versuchen wir unterwegs möglichst oft hinzufallen um nochmal kurz durchatmen zu können. Am lautesten lachen wir über die Witze, die kurz unser Hirn auspusten. Die uns unsere soziale Verantwortung vergessen lassen. Die so übel sind, dass uns vor Scham die Tränen in die Augen steigen. Ich veröffentliche Amazonwunschlisten. Ich flirte mit Typen im Alter meines Vaters. Ich weine beinahe Tränen der Dankbarkeit, wenn mir jemand die Jacke abnimmt. Und solange ich mich analysiere und dabei herausfinde, dass das alles nicht meine Schuld ist, sondern die der Eltern, der Medien und natürlich Hollywood(!!!), solange wird das auch so bleiben. Solange suche ich nach allem, das mich dazu zwingt, mich hinzulegen und nicht zu denken. Wenn nötig mit Gewalt.

…ihr auch?

  • wenn ihr wisst, was ich meine, und mir verraten wollt, in welchem Maß ihr es okay oder nicht okay findet, seine twenty-something-überforderung ein wenig zu kompensieren: schreibt einen kommentar. dann bekomme ich immerhin mit, dass jemand den quatsch gelesen hat.