Leise kaputtmachen

(worse version in english below)

 

Am Anfang war alles richtig laut in meinem Hirn. Die Regeln wurden wie durch ein Megafon gebrüllt, immer und immer wieder, „tritt nicht auf die Rillen im Bordstein“, „nur fünf Schritte bis zur Tür“, „bete 15 Minuten an jedem Tag wo niemand wichtiges stirbt“. Aber vor allem: fühl dich auf keinen Fall jemals sicher. Das ist kindisch. Und dann passiert alles, und dieses Alles ist viel größer als du sein willst.

Wenn du Gott lachen hören willst, erzähl ihm deine Pläne, aber wenn du willst, dass er dir auf den Kopf kackt, zeig ihm wie groß dein Selbstvertrauen geworden ist.
„Heute stirbt wer, scheiße, ich weiß es jetzt schon“ war kein Gedanke mehr sondern meine täglich geleistete Unterschrift auf dem Vertrag mit dem Schicksal.
„Hiermit versichere ich allen beteiligten Parteien, dass ich mir im Klaren über die Schrecklichkeit der Unvorhersehbarkeit bin. Es bedarf infolgedessen keiner weiteren Aufklärung mehr darüber. Wirklich wirklich wirklich nicht.“

Ich habe nicht gebetet weil es mir beigebracht wurde oder um etwas zu bekommen, sondern um verschont zu bleiben, und es war wohl eher nicht Gott zu dem ich sprach, sondern Satan höchstpersönlich den ich um Gnade bat.
Ich habe dann entdeckt, dass alles ein bisschen leiser wird, wenn das Drumherum einfach krass dröhnt. Wenn man sich ablenkt bis man fast das ganze Zeug glaubt, das man so über Jungs und Haarfarben und Sex denkt. Natürlich sind das nur die lautergedrehten Stimmen von allen anderen, aber genau deshalb machen wir es doch, oder? Um irgendwas zu konstruieren, das von ganz weit weg nach Gemeinsamkeit aussieht. Im Wissen, dass sich eh keiner nah genug rangehen traut, um zu erkennen, dass das Bild eigentlich nicht aus Jungs und Haarfarben und Sex besteht, sondern aus unseren Vätern und Wachsmalkreideflecken auf dem weißen Kleid und Verantwortung.

So wurde manchmal alles so leise, dass ich gar nicht mehr weinen musste. Außer natürlich, wenn die beste Freundin erzählt hat, wie sie heute wieder suuuperviel gegessen hat und damit einen Apfel meinte und ich richtig gestresst war weil ich nie so diszipliniert sein konnte.
Dann hab ich gedacht, das ist das Leben: seltsame fremde Leute kaufen dir Alkohol im Supermarkt, du trinkst den schnell und dann hörst du ein bisschen traurige Rapmukke und loggst dich in komische Chatplattformen ein, wo sonst eher niemand so jung ist wie er angibt.
Das Schlimme daran ist das Aufwachen – irgendwer dreht den Lautstärkeregler runter und plötzlich ist alles was wehtun könnte wieder da und niemand von den anderen kann dich mehr erkennen unter deiner Decke aus Angst und Neurose und Hyperventilation.

Ich hab gelernt, nach der Person zu suchen, die so rücksichtslos am Volumen gedreht hat. Das ist auch nicht so schwer, denn in der Regel ist sie hinterher die einzige, die dich noch anguckt statt an dir vorbei. Dann hab ich die Person immer ganz lang versucht fest zu halten, damit das nicht nochmal passieren kann und es leise bleibt und ich weiter mein Spiegelbild in ihren Augen anschauen kann. Leider werden nach einiger Zeit immer die Muskeln erschöpft und dann lässt halt einer von beiden los und es beginnt von vorn: laut – weniger laut – angenehm leise – stille Sicherheit – Risiko – ohrenbetäubender Krach – Gefundenwerden. Anstrengend.
Zum Glück lernt man ja dazu und so hab ich begonnen, nicht mehr zu warten, bis meine Muskeln vom Festhalten müde werden. Stattdessen löse ich nach kurzer Zeit schon völlig unbemerkt meinen kleinen Zeh und dann noch einen und noch einen, und dann meinen kleinen Finger, bis alles ganz locker ist. Und ob die andere Person es merkt oder nicht – am Ende flieg ich ganz leise davon und wenn alles glatt läuft findet besagte Person das erst raus, wenn ich von sehr weit weg winke, während ich dem Chaos am Horizont über die Schulter zulächle, statt ihm ausweichen zu wollen.

 

english:

In the beginning everything was really loud in my brain. The rules were being repeated as through a bullhorn, don’t step on the cracks in the sidewalk, only five steps to the door, pray for 15 minutes each day when no one important has died. But above all: don’t you ever dare to feel safe. Because that’s when it all happens, „all“ being so much bigger than you could ever be.
If you wanna make god laugh, tell him your plans. But if you want him to take a dump on your head, tell him how much your self-confidence has been improving.
„Someone’s gonna die today, fuck, i know it already“ was no longer a thought but my daily renewed signature on a contract with fate. „I hereby affirm to be absolutely aware of the frightfulness of unpredictability. Further education on the topic is therefore truly, truly, truly unnecessary.“
I didn’t pray because I’ve been taught to or to receive anything in particular, but to be reprieved. And it was certainly not god that I talked to, but satan himself who I begged.

I then discovered that it all gets a little more quiet when everything on the outside simply turns extremely loud. When you distract yourself until you almost believe all that people seem to think about boys and hairstyles and sex. Obviously that’s only the increased volume of everybody else’s voices. But isn’t that why we do it? To construct something that from far far away slightly resembles togetherness and community. Knowing that nobody dares anyway to look close enough to realize that it’s not at all boys and hairdye and sex but actually our own fathers and crayon stains on a white dress and responsibility.

Sometimes it all went quiet enough for me to not even cry anymore. Except of course on days when my best friend told me she’d eaten waaay to much and I knew she meant just a single apple and I got very frustrated because I could never be as disciplined.

Then I thought, this is life: having weird strangers buy you liquor in the grocery store, drink it quite fast, listen to some sad rap tracks and finally hang out on chat platforms where none of the other members are actually as young as they state on their profile.
The worst thing about it is waking up – someone messes with the volume control and suddenly everything that might hurt comes back to you and none of the other people recognize you anymore under your blanket of anxiety and neurosis and hyperventilation.
I learned to seek for that person who so recklessly manipulated the stereo, which is not too hard because usually they are the only ones who still look at you afterwards.
I then always held them very tight to prevent it from happening again, plus, I still want to be able to stare at my reflection in their eyes.
Unfortunately, after a while your muscles get tired so one of us eventually lets go and everything starts all over again: loud, a little less loud, comfortably quiet, silent security, a risk, ear-shattering noise, being found.

Luckily, people learn and so I stopped waiting for my muscles to get tired and started right from the beginning to secretely loosen the muscles in my little toe and then in the next one and then in my little finger, until everything is soft and loose and eventually, wether the other person notices or not, I just silently fly away and when it works out well they only find out about it when I’m waving at them from far away, already smiling at the chaos on the horizon instead of trying to avoid it.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Leise kaputtmachen

  1. Vielen Dank. Ich hab sehr viel mental health content hinter mir, auf allen möglichen Kommunikations- und Medien-Ebenen – hier hab ich emotional-empatisch mehr mitbekommen als in fast allen Fällen über Text und oft bei persönlichen Gesprächen (medialer Content ausgenommen, der funktioniert anders). Das ist etwas sehr seltenes, und deswegen sehr besonderes und wertvolles für mich.

    Wie mir These Final Hours gezeigt hat kann selbst apokalyptisches Chaos am Horizont etwas schönes sein wenn man weiß dass es kommt, sich damit abgefunden hat und es erwartet. Mit tollen Menschen – Menschen, die das Gehirn runter- anstatt hochdrehen, kann das besonders schon sein; das alleine hin zu bekommen ist eine sehr beachtliche Leistung. Eine für die man sich selbst, glaube ich, seltenst so viel Respekt zollt wie man verdient hat.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s