Die Trauerphase beginnt

Selbst wenn ich in dieser Stadt ganz alleine bin und vor mich hin laufe, bin ich unfassbar glücklich. Ich muss nicht mal was Neues entdecken weil ich weiß, wenn ich das heute nicht tu dann eben morgen. Selbst wenn ich dieselbe Straße entlanglaufe, wie gestern, weiß ich doch: in den Seitenstraßen wartet so viel auf mich. Ich muss nicht alles davon erleben oder sehen, aber es tut gut davon zu wissen. Ich könnte, wenn ich wollte. Das trifft hier auf so vieles zu – Begegnungen natürlich, aber auch Orte an die ich gehen könnte oder Jobs oder Hobbies die hier so viele Leute einfach haben, die Menschen in meiner Heimat komisch oder sinnlos erscheinen würden. Oder eben das Gegenteil: einfach alleine im Bett bleiben und überhaupt gar nichts tun. Kopenhagen gibt mir das Gefühl mich zu lassen, wie ich bin und so schaffe ich das irgendwie auch. Der Weg dahin tut oft weh weil in mir, wie in so vielen, noch immer dieser Teenager steckt, der sagt „Du bist nicht genug“ und dann einen Schluck Red Bull trinkt und plötzlich umschwenkt und brüllt „Du bist zu viel“. Es ist wie eine zweite Pubertät hier, aber eher wie die, die ihr euch vorstellt, wenn ihr sagt „Ach, wenn ich nochmal jung sein könnte und wüsste was ich heute weiß.“ Ich glaube, obwohl ihr das sagt, wollt ihr das gar nicht, sonst würdet ihr es einfach machen. Weil es natürlich nicht ums Alter geht dabei, sondern um Freiheit. Ihr hättet gerne all die Freiheit, aber ohne die Unsicherheit. Ich bin unsicher wie die Hölle hier. Ich weiß manchmal gar nicht warum ich irgendwas denke oder fühle oder ob ich nicht einfach sehr unterhaltsam träume. Ich sehe mich von außen und denke „Hui, das war so peinlich, ich würde gerne vor ein Auto rennen“ und im nächsten Moment „Wow, so cool wäre ich in Deutschland niemals“. Unsicherheit ist ein Segen, weil du dich selber überraschen kannst in jedem Augenblick und weil dein Raum auf einmal statt zwei 28 Türen hat. Anstrengend ist das, aber ihr rennt doch alle zum Crossfit und zum Baby-Yoga, das kann jawohl unmöglich schlimmer sein. Ich habe mir lang gewünscht, ein einfaches Leben zu haben. Zu wissen, was mich erwartet. Eine Blume am Wegrand zu finden und zu lächeln. Und ich schwöre, ich hab es versucht. Aber immer, wenn ich das für ein paar Monate mache, kann ich die verkackte Blume am Wegesrand gar nicht mehr sehen weil ich nur noch auf den Asphalt gucke, vor lauter Angst zu stolpern. Und ich hör auch kein Vogelgezwitscher mehr oder das „Ich liebe dich“ von der Person die ich 3 Monate vorher am liebsten sofort geheiratet hätte, weil in meinem Kopf die Sehnsucht ganz laut „Ich war noch niemals in New York“ singt. So lange habe ich dieses Muster wiederholt weil ich dachte, dass ich alles andere nicht kann. Jetzt merke ich: mir ist es viel lieber, was zu versuchen, was ich glaube nicht zu können, als etwas zu machen, nur weil ich es kann. Ich werde langsam schmerzhaft sentimental weil sich das Semester dem Ende zuneigt und ich versuche, mit jedem Atemzug möglichst viel vom Kopenhagener Feinstaub einzusaugen und beim Spazierengehen auch ja alle Gebäude im Gedächtnis zu behalten.

Eines habe ich gelernt: Weggehen bedeutet nicht, vor seinen Problemen wegzurennen, sondern auf sie zu. Und zwar alleine, bei minus drei Grad, mit einem superschnulzigen Soundtrack auf den Ohren. Und während du rennst, spürst du alles auf einmal und es ist eigentlich viel zu viel, und würde nicht im nächsten Moment die Sonne aufgehen und das Gras nach Tau riechen und der Typ von nebenan lächeln – du würdest hinfallen und liegen bleiben. Aber all das passiert, und das ist halt der Unterschied.

english version: i’m having a goddamn breakdown because i really can’t leave this country and thinking about going „home“ in 5 weeks feels like ripping my own heart out feeding it to german pigs (you don’t need to know more because if you don’t speak german, you’re most likely on this exchange yourself and know what traveling does to you)

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