Wehrt euch… aber doch nicht SO!

​Facebook. Eine Plattform deren gesammelter Kommentarhass nur von dem übetroffen wird, von dem die Like-catchenden Buzzfeed-Ausläufer künstlich empört berichten. Ausrufezeichen. Großbuchstaben. 1000 Likes für „Scheiß drauf“, 7 Likes für „Man kann nicht auf alles scheißen“. 

Wer sich hier auf eine Diskussion einlässt, kann auch direkt mit roten Haaren zur Hexenverbrennung marschieren.

Einmal im Jahr werde ich aber diesem Wissen zum Trotz dazu verleitet, die Welt mit meiner Meinung zu bereichern.

Das passiert, wie bei jedem guten Facebookie, dann, wenn ich hinter irgendetwas ein größeres, noch unerkanntes Unrecht vermute. Noch während ich gehetzt meine Argumente in das Feld tippe schäme ich mich dann ein bisschen und weiß: ich werde rein gar nichts davon haben. Niemand wird sagen „Ah, wie differenziert, aus der Perspektive macht es deutlich mehr Sinn“. Wir sind schließlich nicht bei Twitter. Trotzdem ergreift mich in solchen Momenten eine radikale Leidenschaft, als stünde ich dem geballten Patriarchat direkt gegenüber, ’68, mit einem knallroten Megafon in der Hand.

Die Ironie hinter polemischem Pathos dieser Art ist mir schmerzlich bewusst, aber nicht mal Selbstkritik kann einen für immer aufhalten.

Heute war es mal wieder so weit.

An der Hochschule, die ich besuche gibt es nämlich gerade eine Stickeraktion feministischer Art – ein Wortspiel mit dem Begriff „Fotze“, der im Bayerischen ursprünglich sowas wie „Fresse“ heißt. Zugehörig haben die Verantwortlichen einen Facebookaccount erstellt und mit diesem Bilder der Aktion in der Hochschulgruppe gepostet. „Witzig“ war so ziemlich das einzige, das mir beim ersten Betrachten des Posts durch den Kopf ging. Da waren es noch null Kommentare, 1 Like.

4 Stunden später haben fünf verschiedene Menschen ihren Senf dazugegeben. Die erste kritisiert die schwindende Ästhetik der ansonsten scheinbar in ihrer Schönheit nicht zu überbietenden Damentoiletten durch die Aufkleber. Ich kichere ein bisschen, aber das bringt mich keineswegs in Rage. Der nächste Kommentar dockt schon eher an meinen Synapsen an: „Begriffe neu besetzen wird gerade vielerorts diskutiert. Wenn ich aber schon googeln muss weil es sich um Dialekt handelt, ist die Aktion doof. Warum überlegt man sich nicht andere Worte, statt sich eines krampfhaft zurückerkämpfen zu wollen“ ist in etwa der Wortlaut. Darunter Zustimmung a la „Ich hab nichts neues beizutragen, packe aber dennoch den vorherigen Kommentar in 14 Zeilen, mit leicht veränderter Wortwahl“. 

Aha, ok.

Erstmal scheint es ja nicht sinnlos, zu überlegen, wie es wohl am klügsten in einen Dialog einzusteigen gilt. Mein Puls beschleunigt sich trotzdem und zwar aus zwei Gründen (achtung, wir kommen zum Megafon-Moment):

1. Beide Kommentierende (ihre sind übrigens auch die mit Abstand längsten Kommentare) sind cisgeschlechtliche Männer. Keine einzige Person mit einer Vagina hat zuvor die für eben diese Personen gemachte Aktion hinterfragt, drei haben sich sogar positiv geäußert  (bis auf den Toilettenästhetikkram).

2. Es wird hier von einer marginalisierten Gruppe gefordert, sie möge anders in den Dialog treten. 
Anders, nämlich auch verständlich für die, die einen Ausdruck nicht kennen. Die gar nicht so genau wissen, warum es denn jetzt so ein Problem ist, Geschlechtsorgane als Beleidigung zu benutzen. Klar, „Spast“ sagen wir nicht in den feinen Akademikerkreisen, weiß ja jeder wie scheiße das ist. Aber „Fotze“? Irgendwo ist ja wohl mal Schluss. 

In dem Moment wo sich mir diese Denke erschließt, kann ich nicht ruhig bleiben. Weil Aussagen dieser Art immer von Menschen kommen, die unter marginalisierender Sprache nicht leiden und die deshalb fordern dass man ihnen schon ganz genau erklären soll, was sie jetzt davon haben, irgendwas nicht mehr/in anderem Kontext zu sagen. Da ist dann die Solidarität dahin. 

„Emanzipiert euch ruhig, aber bitte nicht so. Und bitte nicht, wenn es nicht wenigstens unterhaltsam für mich ist. Ist ja schließlich euer Kampf, ich bin schon hier oben.“ ist für mich die Kernaussage davon.

Und da diese Rechtfertigung von der Mehrheit bequem genutzt wird, entwickelt sie sich auf Level 16 zur Mehrheitsmeinung. Sie wird von weißen Heterotypen und ihren Freundinnen bei einem Bier oder im Gespräch über diesen neuen Kinofilm trainiert und wird auf Level 32 dann zum Mehrheitsprivileg. Der heißt „Ich kann damit alle meine Freunde zum lachen bringen, den Teufel werd ich tun und das nicht mehr sagen“ und fertig ist der Endgegner.

Die kleine Facebookdiskussion ist dafür nur ein winziges Beispiel für ein riesengroßes Phänomen. Die Reaktionen nach dem US-Wahlergebnis bringen es besser denn je zum Ausdruck: die Forderung, wer sich unterdrückt fühlt, solle dafür kämpfen dass es aufhört.

„Schwule und Lesben, vereinigt euch gegen den homophoben Trump!“, „Minderheiten müssen jetzt mehr denn je kämpfen!“.

Solche Sätze posten zu 90% diejenigen, die eben nicht betroffen sind von der drohenden Existenzkrise. Der Rest schüttelt nur noch resigniert den Kopf, ist noch immer nicht aus der Schockstarre erwacht, hat nach Jahrzehnten Kampf gar keine Kraft mehr übrig um sich für das kommende Werte-Rollback zu wappnen. Es werden Suizidhotlines angerufen, Selbsthilfegruppen gegründet, Psychologen aufgesucht, geweint. Gerade noch feierte man die legalisierte Ehe für alle, wischte sich für ein paar Minuten den Schweiss von der Stirn. Das eigene Bild in den Medien, die Teilhabe am Weltgeschehen, Wahlrecht, Chancen im Beruf… Minoritäten mussten sich das und viel mehr selbst erarbeiten in hunderten Jahren. Und es hat deshalb so lang gedauert, weil der solidarische und hilfsbereite Gesellschaftsanteil immer verschwindend gering war im Vergleich zu Wegsehern, Spottenden, Augenverdrehern und Hassrednern. Gerade konnten die ersten ein bisschen durchatmen. Mussten bei Bewerbungsgesprächen nicht ihre Identität leugnen. Konnten, in sehr offenen Vierteln, ihren Sohn im selbstgewählten rosa Tutu in die Kita schicken ohne dass er rausgeworfen wurde. Da sollen sie plötzlich schon wieder aufstehen, Luft holen, losrennen.
Niemand sagt, dass euer Leben nicht krass ist oder ihr euch nie wehren musstet. Mobbing, Gewalt, Einsamkeit… klar erlebt man das auch auf der Sonnenseite der Statistiken. Aber wenn du dich zusätzlich noch für deine Hautfarbe rechtfertigen oder dich als Frau auf jedem Heimweg nach 22 Uhr permanent umsehen musst, ist das ein messbarer Unterschied.
„Wehrt euch!“ ruft ihr, schaltet den Fernseher an und lacht über Mario Barth.
Wie wäre es stattdessen mit einem „Kommt, wir wehren uns zusammen, weil Menschenrechte für alle da sind!“?

Erst dann könnt ihr meinetwegen auch bei den Wortspielen auf irgendwelchen Stickern mitbestimmen.
[In der Hoffnung, dass ein Blogeintrag weniger Hass auf sich zieht, als ein Facebookkommentar]

EDIT: die erwähnte Diskussion ging übrigens noch ganz nett aus. Sozialarbeiter*innen halt.

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