Beschissenheit einer Angststörung

Regen. 15°C Höchsttemperatur. Irgendein Monat mit „-ber“ am Ende.

Zeit, wieder bis zur Lunge runter einzuatmen, orange Dinge zu essen, sich anzuziehen, ohne an Schweißflecken, Cellulite und abgeblätterten Nagellack auf den Zehen zu denken und sich danach wie ein Verräter der eigenen Bodypositivephilosophie zu fühlen.

Aber auch Zeit, sich nicht mehr zum Rausgehen gezwungen zu fühlen. Und somit immer mehr Abende mit Netflix, Büchern und dem eigenen Gedankensumpf zu verbringen.

Ich denke auch im Sommer zuviel nach, viel zu viel um unbeschwert zu leben und doch gerade genug um so selten wie möglich die Kontrolle über mein Innenleben zu verlieren. Aber in Momenten, in denen es mich festzusaugen droht, ruft immer irgendwer an und will mich irgendwo hin mitschleppen, oder ich schaffe mich selbst aus dem Haus an einen Platz, der zu schön zum Weinen ist.

In den kalten Monaten, so sehr ich sie liebe, ist das schwieriger. Und so streift mich nach ein paar Tagen Netflixgenuss plötzlich ein eisiger Gedanke: was wenn ich nie loslassen lerne? Wenn es zu spät ist? Wenn diese sogenannte Angststörung mir nur ein Leben mit mir ganz allein lässt?

Ich versuche also, zu sortieren, was die Krux an diesem Wirrwarr einer psychischen Störung ist. Für mich, nicht für irgendwen sonst, weil ich leider viel zu wenig in Blogs oder Büchern zum Thema finde, das mir entspricht, und noch weniger, was ich nicht schon hundert mal im eigenen Gedankenkarussell gestreift hätte.

Es fing viel früher und ganz anders an, aber wichtig ist, wie es jetzt läuft: die Angst kommt zu Beginn einer Beziehung, sobald klar ist, dass ich mit jemandem zusammen bin, sie kriecht an mir hoch und setzt sich auf meine Schulter. Ab dann kichert sie immer ein bisschen, sobald die unglückliche auserwählte Person und ich uns mal kurz nicht verstehen, die Person mir ein paar Stunden lang nicht auf eine Nachricht antwortet, oder etwa schlechte Laune hat (vollkommen egal warum). Die Angst kichert und ich muss machen, dass sie aufhört, weil es klingt wie Fingernägel an Schiefertafel. Deshalb frage ich die Person: „sollen wir weniger schreiben?“, „Bin ich sicher nicht schuld an deiner Laune?“, „Werde ich dir zu kompliziert?“. Und hoffe, irgendwie beschwichtigt zu werden, ohne das Gefühl zu bekommen, den Menschen jetzt erst recht belastet zu haben. Wenn ich es aushalte, nichts zu sagen, nicht zu fragen, nicht zu kontrollieren, krallt die Angst sich in meine Schulter, bis mir schlecht wird, springt darauf herum, tut alles, damit ich sie in keiner Sekunde vergesse. Sie sagt „Aw, immernoch keine Nachricht? Du weißt genau, wie schnell einen Menschen einfach vergessen können.“ Auch dieses Hüpfen und Anstacheln habe ich in vergangenen Beziehungen ab und zu geschafft zu ertragen. Weil die einfache Formel besagt „die Angst vor dem anderen verstecken + abwarten = irgendwann wieder die Bestätigung dass man nicht vergessen wurde, eine Antwort auf eine Nachricht, ein ‚ich liebe dich'“

Es ging also oft ums Aushalten und es hat oft funktioniert. Nicht „eifersüchtig“ wirken, nicht „unsicher“ wirken, nicht diesen Teil von mir preisgeben, der überhaupt nicht zum selbstbewussten, unabhängigen Rest passt. Dann: Erleichterung. Die Person liebt mich noch, war nur bei guten Freunden, ist beim nächsten Mal besser gelaunt…

Es klingt wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle, ist aber mehr als das. Irgendwann macht das Aushalten nämlich sehr einsam, man versteckt ja so oft es geht einen Teil von sich, den man zwar wie ein Geschwür hasst, der aber trotzdem da ist. Und man weiß: wenn ich das nicht alleine aushalte, mach ich mich automatisch abhängig von dem Menschen, der mir die Bestätigungsdroge gütigerweise verabreicht. Die Achterbahnfahrt dauert lang, aber es gibt kaum mehr „auf“, man fährt einfach weit untem am Boden geradeaus, mit zugehaltenen Augen. Sex ist nicht mehr leicht und schmutzig und schön, weil die Angst dabei flüstert „Bemüh dich, damit es in Erinnerung bleibt“ und „Genieß es, wer weiß ob es das letzte Mal ist“. Ebenso läuft es bei Kuschelabenden, Urlauben, Kinobesuchen… Alles was mal einfach und zweisam war ist jetzt zwiespältig und einsam.

Die Alternative? Jemanden finden, der damit umgehen kann? Kann ich ja selbst nicht, und was für eine anstrengende, empathielose Person müsste das sein? Ich möchte gar niemanden, der das erträgt, weil es unendlich wenig Spaß macht, und erst recht dann schrecklich für mich ist, wenn ich konstant „nicht so schlimm, Schatz“ höre.

Therapie? Ich habe zwei gemacht, Erfolg in etwa Richtung „möchte mich immerhin nicht mehr umbringen“. Eine Traumatherapie ist gerade in den Anfängen, aber so viel Hoffnung sie mir gibt, so viel Angst habe ich vor dem Ausgang: wenn sie nichts bewirkt, habe ich alles ausprobiert, 9 Jahre insgesamt in Praxen verbracht und es war völlig umsonst.

Also halte ich Liebe von mir fern. Ich verliebe mich wie alle anderen, tolle Menschen verlieben sich zurück, aber aus allen vergangenen Beziehungen weiß ich: mehr als das kann nicht passieren. Denn sonst verliere ich auf irgendeine Weise die ganze Person, wie ein Parasit, der sich irgendwann vollgesaugt hat und den Wirt dabei beinahe umgebracht hätte. Und das bei vollem Bewusstsein darüber.

Es gibt bei diesem Eintrag also keinen Appell und keine Auflösung. Nur ein winziges bisschen Hoffnung, und das Gefühl, wenigstens mal einen Bruchteil der ganzen Dunkelheit auf ein virtuelles Blatt Papier geklatscht zu haben.

 

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Ein Gedanke zu “Beschissenheit einer Angststörung

  1. Danke für einen erhellender und Einblicke-gebender Text. Habe in manchen der Probleme/Unsicherheiten meine Freundin wiedererkannt… (nun muss ich sehen, was ich für mich damit anstelle).
    Ich hoffe es kommt nicht falsch ‚rüber, aber: *hug*

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