Weltfrauentag

Blumen.

Sie. schenken. uns. BLUMEN.

Dank dieser mein nihilistisches Herz beschämenden Geste des sanften Zuspruchs wird die Welt nun mit einem Blogeintrag gestraft. Und zwar einem über die Dinge, die an diesem Tag so falsch laufen. Die Dinge, die sich Menschen so ausdenken, um weder den Tag, noch den Feminismus ernst nehmen zu müssen. Blumige Gesten zum Beispiel.

„Alles Gute zum Weltfrauentag!“, er streckt einer Dame eine Rose entgegen, in seinen Augenwinkeln bereits eine funkelnde Träne der Selbstbestätigung. Dann so ein vertrauenerweckendes Zwinkern, das sogar dem Zunge-raus-Zwinkersmilie in der Schmierigkeit Konkurrenz macht. „Ihr habt es euch verdient“ säuselt der von der Sparkasse für diesen undankbaren Job abgestellte (oder hat er sich das etwa ausgesucht? Der kleine Charmeur!) Mittdreißiger und verteilt ein weiteres Blümchen an ein dankbares Weibchen.

Als ich freundlich ablehne (Blumen aller Welt geraten bei Erwähnung meines Namens in panische Todesangst) wirkt unser Alltagsheld verwirrt. „Ach komm, ist doch Frauentag!“ ruft er mir mit beinahe brüchiger Stimme hinterher. Ja, das ist es wohl. Aber für mich bedeutet das nicht, dass ich Blumen annehmen muss, wie sonst Komplimente, gegen die ich nichts tun kann. Was ist das für eine Geste zum Frauentag, frage ich mich.

Der sah ursprünglich mal so aus:

 

frauentag

Nicht so blumig, oder? Es ging um Wahlrecht und Gleichberechtigung und alles was sonst noch so mit Rechten zusammenhängt, die für Frauen immernoch ziemlich neu sind.

Natürlich sind viele der damaligen Forderungen heute Alltag und wir müssen nicht mehr aufpassen, was wir anziehen, wenn wir rausge-

oh, entschuldigung, das war der Text für 2030. Ich meine natürlich, WIR DÜRFEN INZWISCHEN WÄHLEN UND BEIM HEIRATEN UNSEREN NACHNAMEN BEHALTEN, YEEEHAWWW!!

Spaß beiseite, es ist natürlich sehr vieles besser geworden. In Europa. In Deutschland. In großen Städten in denen die Polizei eine Frauenquote von 15% erreicht. Aber bei unserem Rosenbanker fühle ich mich trotz diesen bahnbrechenden Fortschritten seltsam. Sind Blumen alles, was man(n) Frauen noch geben kann? Haben wir sonst alles, was wir brauchen? Haben priviligierte, weiße CSU-Gattinnen in Polit-Talkshows recht, wenn sie sagen, die aktuelle Feminismusdebatte sei veraltet und „ginge zu weit“? Die Antwort ist bitter wie Seehofers Morgenurin.

Es werden Blumen verteilt, als Lob, als Zeichen der Wertschätzung. Aber wofür werden wir wertgeschätzt? Schon mal nicht für dieselbe Arbeit mit demselben Lohn. Auch nicht, wie früher (=2005) für die Kindererziehung und unsere Kochkünste. Beides macht nur noch einen kleinen Farbtupfer aus, im detailreichen Idealbild der erfolgreichen Frau™, die in den Frauen™magazinen Interviews zu Frauen™themen geben darf. Sie sollte einen Beruf ausführen, bei dem sie auch alleine mühelos für sich und die Kinder sorgen könnte, aber gleichzeitig auch für die Kinder sorgen können, als hätte sie gar keinen Beruf. Der im Landhausstil bebärtete Schnührschuhtyp mit dem ironischen Halbgrinsen neben ihr gelt solange sein Haar mit Biopomade und grillt irgendwas aus irgendeiner Grillbibel. Nachher stößt er mit seinen Kumpels an und knutscht im Suff auch mal die Frau, die gerade zum dritten Mal Junior die Windeln wechselt, im Kopf die Zahlen für die morgige Präsentation. Im Interview steht dann jedenfalls „Wir haben es irgendwie geschafft, das alles unter einen Hut zu bringen. Und am Wochenende, wenn Michael mit den Kids angeln ist, gönne ich mir ab und zu eine Auszeit im Spa“

Und dafür bekommt sie jetzt mal was zurück. Nämlich 250.000 Tweets von PR-Beauftragten großer Firmen (ALLES GUTE ZUM FRAUEN TAG LADIES, WIR LIEBEN EUCH) und 20.000 Facebookeinträge rechtskonservativer Klugscheisser (WARUM FEMINISMUS EINE LINKSFASCHISTISCHE MASCHE IST – In 1500 Zeichen). Na wenn das mal nichts ist. Im Gegenzug dann aber bitte Vollgas geben am SchniBlo-Tag, ja?

Ich komme aber vom Thema ab. Warum nervt mich die Blumenausgabe an diesem Tag, mit all den Glückwünschen, Gewinnspielen und Aktionstagen?
Vielleicht weil ich keine Blumen mag. Keinen rosa VW Käfer gewinnen will. Im Baumarkt keine Glitzerbohrmaschine zum halben Preis erstehen werde.
Weil das alles nichts mit mir zu tun hat, nichts mit Frauen oder Mädchen oder erfolgreichem Mutter-Sein.
Sondern mit Menschen (jaha, Geschlecht scheißegal), die gerne pinke Autos fahren und Glitzer mögen und sich an Rosen erfreuen.
Warum also werde ich mit diesen Bildern nicht an einem Glitzerpinkrosentag beworfen, sondern heute, wo es doch eigentlich ums Kämpfen geht? Gegen genau diese Attribute die noch immer nicht nur als schwach und niedlich gelten, sondern – und das ist das Problem – als absolut weiblich.

Dabei ist doch schon lange klar, dass die Welt nicht nur marineblau und pink ist.
Frauen mögen eigenes Geld. Männer mögen Kinderwagenschieben. Nicht-Heteros sind nicht wahlweise nur superwitzig (kichernde Designer) oder brandgefährlich (burschikose Linkspolitikerinnen), nur weil man ihre Attribute nicht mehr in die immer gleiche Schublade packen kann. Frauen mit kurzen Haaren sind nicht immer lesbisch und Lesben sind nicht immer kurzhaarig. All das wissen wir, und gucken gleichzeitig ohne nachzudenken die Filme, in denen [weißer muskulöser Schauspieler] im Finale [weiße niedliche Schauspielerin] rettet. Während die Mehrheit der Menschen auf dem Planeten weder weiß, noch männlich, noch reich, noch körperfettfrei ist.
Ich finde, es wäre ein guter Tag, um sich andere Ziele zu suchen, als diese.
Lasst uns das fördern, was absichtlich übersehen wird und das bereits Gerngesehene so stehen lassen.
Lasst uns zum Weltfrauentag Bohrmaschinen und Blumen in allen Farben verteilen, und zwar an alle Frauen.
Auch und vor allem an diejenigen mit Bart und Schuhgröße 47, die mit Abstand noch am meisten zu kämpfen haben.
Lasst uns Löcher in die Denkmauern der ewig Gestrigen bohren, schmerzhaft und laut.
So und nicht anders zeigen wir denen den Mittelfinger, die uns 24 Stunden lang wie quengelnde Kinder mit Süßigkeiten ruhigstellen wollen.

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